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Was hat es mit dem Gendern auf sich?

Egal, ob es der „Handwerker“ in der Stellenanzeige ist, die „Ritter“ in Abenteuerromanen oder die „olympischen Sportler“: immer wieder müssen wir uns fragen, ob Frauen und nicht-binäre Personen auch gemeint sind. Ist es besser, jedes Mal klarzustellen, dass eine Gruppe wirklich nur aus Männern besteht? Oder, wenn nicht, muss vielleicht gegendert werden? Seit einigen Jahren ist dieses Thema eine häufig diskutierte Frage.

Bevor Frauen in vielen Berufen tätig sein konnten, wurde selbstverständlich ausschließlich die männliche Form verwendet. Man sprach von Studenten, weil es im Verständnis der Menschen schlicht und ergreifend keine nicht-männlichen Studierenden gab.

Erst, als Frauen nach und nach Berufe ergriffen, die zuvor ausschließlich von Männern ausgeübt worden waren, wurden für sie weibliche Bezeichnungen verwendet. Wenn von einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe gesprochen wurde, nutzte man die männliche Form geschlechtsübergreifend (generisches Maskulinum).1

Dies kritisierten feministische Bewegungen im späten 20. Jahrhundert; sie sahen Frauen durch das generische Maskulinum unterrepräsentiert und ausgelassen. Sie protestierten, das generische Maskulinum werde vornehmlich mit Männern assoziiert, was viele Studien und Experimente seitdem belegten.2 Um dem entgegenzuwirken, entwickelten sich erste Formen des Genderns, z.B. mit Beidnennungen (Handwerker und Handwerkerinnen), großem Binnen-I (HandwerkerInnen), Klammern (Handwerker(innen)) und Schrägstrich (Handwerker/-innen).

Aus heutiger Sicht sind diese Formen veraltet, da sie lediglich zwei Geschlechter, männlich und weiblich, darstellen und somit das vielfältige Spektrum menschlicher Geschlechtsidentitäten nicht einschließen. An ihrer Stelle sind heute drei Formen zur Kenntlichmachung aller Geschlechter geläufig; der Doppelpunkt (Handwerker:innen), der Unterstrich (Handwerker_innen) und der Stern (Handwerker*innen).3

Für den Doppelpunkt wird mit seiner Barrierefreiheit argumentiert. Programme, die Texte automatisch vorlesen, machen an seiner Stelle eine kurze Pause im Wort. Andere Genderzeichen lesen sie oftmals als Wort vor (Handwerker-Stern-innen).4 Viele dieser Programme lassen sich allerdings so einstellen, dass sie anstelle des Sterns eine Pause vorlesen.5 Auch unterbricht der Doppelpunkt das Schriftbild geringer als andere Genderzeichen. Andererseits sollen viele Formen des Genderns das Schriftbild unterbrechen, um die Lesenden zum Nachdenken anzuregen.

Außerdem ist der Doppelpunkt keine queere Selbstbezeichnung, ihm fehlt also die Symbolik. Stattdessen besteht er aus zwei Punkten, was manche an die Zweigeschlechtlichkeit erinnert, die er eigentlich zu überwinden helfen sollte. Auch wurde das Zeichen nicht vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband empfohlen, der dazu riet, wenn es sich nicht vermeiden lässt, einheitlich den Stern zu verwenden.6

Der Unterstrich als Konzept entstammt dem Text Performing the Gap von Steffen Kitty Herrmann. Er soll speziell nicht-binäre Identitäten hervorheben, die im „Gap“ liegen. Der Unterstrich konnte sich nicht universell durchsetzen und wurde vor allem in queerfeministischen Kreisen verwendet.7

Der Stern verdeutlicht mit seinen Strahlen, die in alle Richtungen zeigen, Diversität. Außerdem stellt er einen Platzhalter für eine beliebige Anzahl an Zeichen dar, weshalb er im Kontext des Genderns als Platzhalter für eine beliebige Anzahl an weiteren Geschlechtern verstanden wird.8

Alle diese Formen dienen letztlich dem gleichen Zweck. Sie sollen geschlechtsspezifische Bezeichnungen, die meistens, aber nicht immer, im generischen Maskulinum formuliert sind, verhindern und deutlich machen, dass es sich eben nicht um eine Gruppe handelt, die ausschließlich aus Männern besteht. So soll die gegenderte Stellenanzeige für „Handwerker*innen“ auch handwerklich ausgebildete Frauen und nicht-binäre Personen ansprechen und „olympische Sportler*innen“ alle Teilnehmenden an diesem sportlichen Wettkampf mit einschließen. Und ob es jetzt wirklich Ritterinnen in den Abenteuerromanen gibt, hängt von den Autor*innen ab.


1https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/geschlechtergerechte-sprache-2022/346089/zumutung-herausforderung-notwendigkeit/
2 https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2015/fup_15_223-einflussgeschlechtergerechte-sprache/index.html
3 https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/minenfeld-gendersternchen-eine-kurzegeschichte-der-gendergerechten-sprache
4 https://www.netz-barrierefrei.de/wordpress/gender-gerechte-sprache-und-barrierefreiheit/
5 https://www.gespraechswert.de/barrierefreiheit-kommunikation-tipps/
6 https://www.dbsv.org/gendern.html
7 https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/minenfeld-gendersternchen-eine-kurzegeschichte-der-gendergerechten-sprache
8 https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/minenfeld-gendersternchen-eine-kurzegeschichte-der-gendergerechten-sprache

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